„Manchmal muss ich auch unbequem sein“

Ostbayerns Handwerk ist Spitze! Nicht zuletzt dank Präsident Dr. Georg Haber, einem Netzwerker der Extraklasse

Regensburg – Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, ist Vermittler zwischen Arbeitgebern, Auszubildenden und Arbeitnehmern. Im großen Blizz-Interview erklärt er, warum es wichtig ist, nicht auf der Stelle zu treten, und wie der Azubi-Mangel im Handwerk behoben werden könnte.

Von Mario Hahn und Matthias Dettenhofer

Blizz: Herr Dr. Haber, seit vier Jahren stehen Sie an der Spitze der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Was sind die Hauptaufgaben, die Ihnen in dieser Position begegnen?

Dr. Georg Haber: Kurz und knapp: Meine Aufgabe ist es, zusammen mit dem Hauptgeschäftsführer die Interessen der Handwerksbetriebe gegenüber Politik und Öffentlichkeit zu vertreten. Dazu gehören auch repräsentative Aufgaben. Besonders wichtig ist es in diesem Zusammenhang, handwerkspolitische Dinge – frei von jeder Parteipolitik – auf den Weg zu bringen. Darüber hinaus bin ich so etwas wie ein Mittelsmann zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Auszubildenden. Eine spannende, reizvolle Aufgabe, die ich sehr gerne mache und die mir mein breit gefächertes Netzwerk erleichtert.

Aus dem aktuellen Bildungsbericht lässt sich Ernüchterndes herauslesen. Zum einen scheuen junge Leute das Handwerk und zum anderen bricht jeder vierte seine Ausbildung ab. Das lässt den Rückschluss zu, das Handwerk wäre nicht sonderlich beliebt. Ist dem wirklich so?

Eine Handwerkskarriere muss geplant sein. Das Handwerk alleine an den Verdienstmöglichkeiten zu messen, ist schwierig, weil in vielen anderen Bereichen mehr verdient werden kann. Aber auch das stimmt so nicht ganz. Vergleicht man einen Bachelor-Absolventen und einen Handwerksmeister, so wird der Meister auf jeden Fall mehr Geld verdienen. Auch stimmt es so nicht, dass junge Leute das Handwerk scheuen. Es finden zwar weniger Auszubildende als noch vor zehn Jahren den Weg ins Handwerk, aber das hat mit anderen Dingen zu tun. Sinkende Schülerzahlen und der anhaltende Trend zur Akademisierung spielen hier die Hauptrollen. Handwerk, Industrie und andere Berufe konkurrieren mit den Hochschulen um die wenigen Schulabgänger. Zudem kommt hinzu, dass wieder mehr Betriebe selbst ausbilden, als es noch vor einigen Jahren der Fall war.
Was ist mit den Abbrechern?

Auch das muss relativiert werden. Nicht jeder, der seinen Vertrag auflöst, geht dem Handwerk komplett verloren. Oft wird nur umgesattelt und der Auszubildende taucht an anderer Stelle wieder auf. Im Vergleich zu Studienabbrechern ist die Zahl der Ausbildungsabbrecher sogar deutlich niedriger. Dennoch müssen wir mehr Anreize schaffen, um noch mehr junge Menschen in eine Handwerksausbildung zu bekommen. Grundsätzlich stellt sich die aktuelle Lage aber so dar, dass die Ausbildunsgzahlen im ostbayerischen Handwerk sich in den letzten Jahren deutlich stabilisiert haben. Heuer rechnen wir sogar mit einem leichten Plus. Das zeigt, dass unsere Nachwuchswerbung in Form von Imagekampagnen und Gespräche mit Hochschulen und Gymnasien Früchte tragen. Dennoch müssen wir aufpassen, dass die Facharbeiterlücke nicht noch größer wird. Hier ist die Politik gefragt, denn die Anforderungen steigen stetig an. In diesem Zuge müssen wir auch aufpassen, dass Schwächere nicht auf der Strecke bleiben.

Unterscheidet sich Ihr Bezirk vom Rest der Republik?

Absolut! Strukturpoltisch ist Ostbayern herausragend. Jeder vierte Euro im bayerischen Handwerk wird von einem ostbayerischen Handwerker umgesetzt. Jeder vierte Handwerker im Freistaat arbeitet in einem unserer Betriebe. Ein durchschnittliches, regionales Unternehmen erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 1,3 Millionen Euro pro Jahr.

Also hat Handwerk nach wie vor „goldenen Boden“?

Das kann man so sagen, aber mir ist das etwas zu platt. Wir haben gute Voraussetzungen, eine gute Konjunktur – wenn man das mit dieser Aussage meint, dann stimme ich gerne zu. Jedoch zu behaupten, dass wir keine Probleme hätten, wäre eine Farce. Der „goldene Boden“ bröckelt schon ein wenig. Das Thema Bürokratisierung spielt dabei eine gewichtige Rolle. Ist die bürokratische Last für einen Zehn-Mann-Betrieb genau so hoch wie für einen Großbetrieb, dann ist das nicht in Ordnung. Denn das geht zu Lasten der Rentabilität unserer Unternehmen. Kleine Betriebe können es sich nicht leisten, dafür extra Personal einzustellen. In bestimmten Bereichen ist es natürlich unumgänglich, dass auch kleine Betriebe eine Nachweispflicht haben. Viele Dinge zielen schon in die richtige Richtung, schießen aber über das Ziel hinaus. Wenn ein Metzger mit vier Angestellten den gleichen bürokratischen Aufwand hat wie eine Großschlachterei, dann ist das nicht in Ordnung.

Sie setzen sich also für die kleinen Betriebe ein, um ihnen eben bei diesen Hürden zu helfen.

Genau! Hier bin ich zur Stelle und weise die Politik auf diese Probleme hin. Das ist nicht leicht. Man erntet zwar im Einzelgespräch oft großes Verständnis, was aber am Ende herauskommt, ist unsicher. Darum ist es wichtig, dass die Handwerkerinteressen möglichst gut vertreten sind. Heißt, wir müssen in allen wichtigen Gremien mitreden können und bereit sein, unbequem zu sein. Das habe ich für mich geschafft. Man erkennt mich an und ich bin hart in der Sache. Man kann mich nicht leicht abwimmeln. Mir geht es um die Sache. Ich möchte, wenn ich einmal aus dem Amt scheide, dass man über mich sagt: „Das war ein anständiger Kerl mit Prinzipien.“ Das ist mein Lohn und es macht mir natürlich auch Spaß, Reibungspunkte zu suchen (lacht).

Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen, im Bereich der HWK Niederbayern-Oberpfalz sind noch 1.200 Plätze unbesetzt. Könnte diese Lücke durch Asylbewerber geschlossen werden?

Nein! Schließen lässt sich diese Lücke nur durch einen Maßnahmen-Mix. Eine Universallösung gibt es nicht! Aber: Menschen mit Migrationshintergrund oder Asylbewerber sind ein nicht zu unterschätzender Bestandteil. Momentan haben wir 750 Azubis mit Migrationshintergrund. Das ist enorm. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir mit den Integrationsklassen erst 2015 begonnen haben. Aber da ist Bayern sehr weit. Es ist fantastisch, was im Freistaat geleistet wird. Von den Betrieben, von der Politik und von der Bevölkerung. Das A und O ist und bleibt die Sprache.

Dr. Haber, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben, und für das tolle Gespräch.

 

Zur Person

Dr. Georg Haber, geboren 1957 in Regensburg, ist Inhaber der Firma Haber & Brandner GmbH mit Sitz in Regensburg und Berlin. Der Betrieb ist spezialisiert auf die Restaurierung von Metallen. Dr. Haber lernte nach dem Abitur den Beruf des Gürtlers und legte seine Meisterprüfung im Silberschmiedehandwerk ab. Danach qualifizierte er sich zum Restaurator im Handwerk. Neben seiner handwerklichen Ausbildung schloss Dr. Haber ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, Kunst- und Kulturwissenschaften mit Diplom und Promotion ab. Er ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.