Der Kneitinger Bock ist stolz und anmutig, kraftvoll und schlank, schwarz-braun und samtig mit cremiger Krone – mit dem Anstich am 4. Oktober im Mutterhaus beginnt für viele die beste Zeit des Jahres

Regensburg – Der Kneitinger Bock ist eine Legende. Für einen Schluck von diesem süffigen Starkbier pilgern zahlreiche Kenner von nah und fern in die Hauptstadt der Oberpfalz. Idealerweise zum Bockbieranstich. Der findet traditionell am ersten Donnerstag im Oktober im Mutterhaus am Arnulfsplatz statt. Bei der mittlerweile 68. Auflage werden aus „Platznot“ wieder der Beamte mit dem Studenten oder der Straßenarbeiter mit dem Professor an einem Tisch sitzen.
Von Mario Hahn

Die unmittelbaren Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren karg. Es war eine Zeit voll von Entbehrungen. Alles fehlte an allen Ecken und Enden. Auch Getreide war Mangelware. Aus diesem Grund durfte man bis 1950 keine Biere mit hohem Stammwürzgehalt brauen. Das Starkbier hatte schon mal bessere Zeiten erlebt…
Etwa zu Ende des 19. Jahrhunderts. Damals erdachte sich Johann Kneitinger I. die Rezeptur für das „Brauen von Starkbier“. Nach seinem Tod im Jahr 1892 übernahm Sohn Johann Kneitinger II. die Brauerei. Er heiratete im selben Jahr Pauline Helene Häring, mit der er vier Kinder zeugte. Die Gaststätte am Arnulfsplatz – liebevoll im Volksmund Mutterhaus genannt – ist seine Schöpfung; sie besteht seit 1892.

Johann Kneitinger II. veredelte zudem das von seinem Vater überlieferte Rezept mit Schönheit und Geschmack zum „Kneitinger Bock“. Der zweite der Kneitinger-Dynastie starb im Jahr 1923, wonach das Unternehmen an dessen Sohn Johann Kneitinger III. überging. Dieser führte in alter Familientradition das Unternehmen bis zu seinem Tod im Jahr 1975 fort.
Johann Kneitinger III. war es dann auch, der die Tradition, wie wir sie heute kennen, ins Leben rief. „Anfang der 60er-Jahre hat er den Anstich erstmals mit Musik veranstaltet. Sein Ziel war es, die Darstellung der Brauerei in der Öffentlichkeit zu verbessern. Die Bockbieranstiche vorher waren eher spartanisch und der damaligen Zeit so geschuldet“, weiß Martin Sperger, Geschäftsführer der Brauerei Kneitinger. Ende der 70er-Jahre (nach dem Tod von Johann Kneitinger III.) trat der damalige Oberbürgermeister der Stadt Regensburg, Rudolf Schlichtinger (+1994), als Zeremonienmeister auf. Seit dieser Zeit ist der Anstich des ersten Fasses dem Stadtoberhaupt vorbehalten.
Diese Ehre wird auch heuer wieder Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer – in Vertretung des suspendierten OB Joachim Wolbergs – zuteil. Das Anzapfen eines Fasses hat Maltz-Schwarzfischer mittlerweile gut drauf, im Gegensatz zur ehemaligen Bürgermeisterin Petra Betz. „Sie hatte kein gutes Händchen und musste sich danach fast neu einkleiden. Dieser Akt hat aber ihrer Popularität nicht geschadet, ganz im Gegenteil – ihr Sympathiewert wurde durch den Bockbieranstich erheblich gehoben“, erinnert sich Sperger.
Vor dem Kneitinger Bockbieranstich wird das Stadt-oberhaupt traditionell vor dem Alten Rathaus mit einer festlich geschmückten Pferdekutsche abgeholt. Diese folgt dann einem Tross aus Blaskapelle, Kneitinger-Mitarbeitern und einem Ziegengespann in westlicher Richtung zum Mutterhaus. „Die Pferdekutsche hat zwei Aspekte“, erklärt Sperger. „Zum einen ist es ein Gebot der Höflichkeit, den amtierenden OB standesgemäß abzuholen. Zum anderen sorgt das Gespann für zusätzlich Aufmerksamkeit in der Bevölkerung und dadurch für weiteren Zuspruch der Veranstaltung.“
Obwohl’s das gar nicht brauchen würde, denn der Bockbieranstich im Kneitinger ist Kult, der Bock eine Legende. Nicht umsonst wird die darauffolgende Zeit liebevoll die „fünfte Jahreszeit“ genannt. Bis zu 1.500 Gratis-Essen, spendiert von der Pächterfamilie Reichinger, gehen durchschnittlich an einem Bockbieranstich im Mutterhaus an die Gäste. An dieser Stelle ein „Vergelt’s Gott!“