Barmherzigkeit! Ein Wort mit weitreichender Bedeutung. Nicht umsonst hatte Papst Franziskus das ablaufende Jahr zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit erklärt. Und dennoch blicken wir mit Sorgen auf die vielen Krisenherde der Welt. Ein Blick in die Nachrichten gleicht einem Spießrutenlauf der schlechten Neuigkeiten. Der Regensburger Weihbischof Dr. Josef Graf blickt im BLIZZ-Interview auf 2016 zurück und wagt einen Ausblick auf 2017.

Von Matthias Dettenhofer

BLIZZ: Am 20. November beendete Papst Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Welche Bilanz ziehen Sie?

Weihbischof Dr. Josef Graf: Durch das Heilige Jahr hat das Thema der Barmherzigkeit eine gewisse Beachtung in den Medien bekommen. Das ist schon einmal etwas Gutes. Was sozusagen den „Binnenraum“ der katholischen Kirche betrifft, ist als positiv zu bemerken, dass mehr katholische Christen als in den Vorjahren das Bußsakrament empfingen. Dies bestätigen etwa die Patres im Karmeliterkloster St. Josef, unserer Regensburger „Beichtkirche“. Das Bußsakrament ist der Königsweg zur Barmherzigkeit Gottes.

Gab es für Sie im Heiligen Jahr Augenblicke, wo Sie sich unter den Menschen mehr Barmherzigkeit erhofft hätten?

Beispiele von Gefühllosigkeit und Unbarmherzigkeit, wie jenes, das Ende Oktober durch die Medien ging, erschüttern uns wohl alle. Dass im Vorraum einer Bank in Essen mehrere Kunden an einem hilflos am Boden liegenden alten Mann vorbei gingen oder sogar über ihn hinwegstiegen, um zum Bankautomaten zu gelangen. Erhofft hätte ich auch mehr von Barmherzigkeit und nicht nur von machtpolitischem Kalkül motivierte Bemühungen, das Grauen des Krieges in Syrien zu beenden. Ferner denke ich an die drohenden oder schon stattfindenden Hungerkatastrophen in einigen Ländern Afrikas, die bei uns kaum Beachtung finden, etwa in Äthiopien, im Südsudan oder im südlichen Afrika, wo die größte Dürre seit 35 Jahren herrscht.

Verknüpfen Sie mit dem Wechsel in das Jahr 2017 Hoffnungen, aber auch Ängste?

Ich befürchte, dass in der Politik der Populismus noch stärker wird und dass die Radikalisierung und die damit einhergehenden Spaltungen in Europa und auch bei uns in Deutschland noch weiter zunehmen. Meine Hoffnung ist, dass die Kräfte der Vernunft und des guten Willens sich auf Dauer doch durchsetzen. So dass der schreckliche Krieg in Syrien endlich ein Ende findet. Dass der labile Friede in der Ukraine gestärkt wird. Und dass nicht noch mehr Konflikte in den Krisengebieten der Erde aufbrechen.

Was raten Sie den Menschen, die ob der weltweiten Geschehnisse sorgenvoll in die Zukunft blicken?

Auch wenn die ganze Welt aus den Fugen zu geraten scheint, wie es unsere Bundeskanzlerin und andere formuliert haben. Ich rate als Christ und als Kirchenmann den Menschen dennoch zu Mut und zu Gelassenheit. Gott lässt uns nicht fallen. Wir dürfen hoffen, dass er uns auffängt, selbst dann, wenn uns nach menschlichem Ermessen der Boden unter den Füßen wegbricht. Ich empfehle allen Menschen dieses Gottvertrauen.

Was wünschen Sie sich persönlich für das neue Jahr?

Natürlich steht der Wunsch nach dem Erhalt der Gesundheit auch bei mir ganz weit oben. Aber als Christ und Kirchenmann möchte ich für mein Leben eine noch größere Perspektive haben. So wünsche ich mir, dass mein Dienst als katholischer Bischof im Jahr 2017 Gott zur Ehre gereicht und für die Menschen, mit denen ich zu tun haben werde, zum Segen wird.