Zahl der Spender weiter auf Tiefstand. Schuld am Organmangel ist die schlechte Organisation in Krankenhäusern

Regensburg – „Zahl der Organspenden weiterhin niedrig.“ So betitelte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) vor wenigen Tagen eine Pressemitteilung. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit: Tatsächlich ist die Zahl gegenüber dem Vorjahr gesunken. Und das, obwohl laut Umfragen 80 Prozent der Bundesbürger einer Organspende positiv gegenüberstehen. Woran liegt das?

Von Mario Hahn

857 Organspender gab es im letzten Jahr. Bundesweit. 2015 waren es noch 877, im Jahr 2010 – man möchte es kaum glauben – knapp 1.300. Menschen also, die nach ihrem Tod lebensrettende Organe an Schwerkranke gespendet hatten. Dennoch bei weitem nicht genug: Zehn Mal so viele warten auf ein Spenderorgan, sei es Leber, Niere, Herz, Pankreas… Derzeit stehen über 10.000 Menschen auf der Warteliste für eine Transplantation. In Bayern werden mehr als 1.400 Organe benötigt. „Für all diese Menschen bedeuten die niedrigen Organspendezahlen, dass ihre Hoffnung auf eine baldige Transplantation sinkt“, sagt Dr. med. Dipl. Biol. Thomas Breidenbach, Geschäftsführender Arzt der DSO-Region Bayern.

Dr. med. Thomas Breidenbach ist Experte rund um das Thema
Foto: DSO

Mitverantwortlich für die niedrige Zahl an Organspender ist der Transplantationsskandal von 2012. Damals soll ein Transplantationsmediziner am Uniklinikum Göttingen Krankenakten gefälscht haben, um ausgewählte Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation nach oben zu schieben. Dabei wurden offenbar Laborwerte gefälscht, so dass die Patienten kränker erschienen als sie wirklich waren. Dadurch wurde ihnen von der zuständigen internationalen Organvermittlungsstelle Eurotransplant schneller eine Spenderleber zugeteilt. Wenig später wurden auch in Regensburg, München und Leipzig Manipulationsverdachte laut.

Laut DSO-Arzt Dr. Breidenbach habe der Skandal zwar zur Verunsicherung beigetragen, sei aber nicht die Hauptursache für den Rückgang der Organspendezahlen. Als Beweis führt der Experte die nach wie vor breite Zustimmung der Bevölkerung an: „Laut aktueller Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stehen nach wie vor acht von zehn Bundesbürgern der Organspende positiv gegenüber.“ Viel mehr seien in den Bemühungen um steigende Spenderzahlen Krankenhäuser in der Bringschuld.

Braucht jemand ein Organ, muss es schnell gehen. Leider ist hierzulande die Spenderzahl viel zu gering
Foto: BLIZZ-Archiv

Denn um die Zahlen dauerhaft zu erhöhen, wurde – noch im Skandaljahr – das Transplantationsgesetz neu geregelt. Wichtige Neuerung: Die Einführung sog. Transplantationsbeauftragter. Dieser Arzt soll dann, oft zusätzlich zum ohnehin hohen Arbeitspensum, im hektischem Klinikalltag u.a. mögliche Spender erkennen.

An dieser Stelle aber drückt bei den meisten Krankenhäusern (noch) der Schuh. Dr. Breidenbach: „Entscheidend ist, dass die strukturellen Vorraussetzungen auch flächendeckend umgesetzt werden. Das betrifft vor allem die Ausgestaltung der Aufgaben der Transplantationsbeauftragten, ihre kontinuierliche Weiterbildung, aber auch die Entlastung von anderen Aufgaben und die Wertschätzung ihrer Tätigkeit, nicht zuletzt durch die Klinikleitung.“

Im Klartext: Der wichtigste Schlüssel zu mehr Organspenden liegt in den Krankenhäusern selbst. Im Klinikalltag wird leider immer noch zu wenig an die Möglichkeit einer Organspende gedacht, da dies in vielen Kliniken ein eher seltenes Ereignis ist und die Strukturen für eine routinemäßige Umsetzung fehlen.

Schade, dabei sterben jedes Jahr in Deutschland etwa 1.000 Menschen, die für eine Organspende eine neue Lebenschance bedeutet hätte. Und wie sagte DSO-Vorstand Dr. med. Axel Rahmel so treffend: „Eine Organspende ist das größte Geschenk, das ein Mensch an einen anderen Menschen über seinen Tod hinaus weitergeben kann.“

 

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Durchgeführte Transplantationen

Die Anzahl der postmortal gespendeten Organe lag 2016 bei insgesamt 2.867 gegenüber 2.901 Organen im Vorjahr. Insgesamt konnten bundesweit 3.049 Organe transplantiert werden, im Jahr zuvor waren es 3.084 Transplantationen.

Am Universitätsklinikum Regensburg wurden im vergangenen Jahr 89 Organtransplantationen durchgeführt. 2015 waren es noch 95, im Jahr zuvor 119 Transplantationen.

 

Ein Beispiel für Deutschland?

Seit diesem Jahr gilt in Frankreich ein neues Gesetz: Jeder ist von nun an potenzieller Organspender – es sei denn, er oder sie hat sich während seines Lebens ausdrücklich dagegen entschieden. Man nennt dieses Prinzip „Widerspruchslösung“. Es soll die Zahl der Transplantationen erhöhen und dazu führen, dass mehr Leben gerettet werden können.

In Deutschland gilt die umgekehrte Idee: Wer Organspender werden will, muss sich ausdrücklich dazu entscheiden. Innerhalb der Europäischen Union steht Deutschland damit eher alleine da – Frankreich ist das 23. europäische Land, das sich für die Widerspruchslösung entscheidet.

 

Woher bekomme ich einen Organspendeausweis?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet kostenlose Organspendeausweise in analoger und digitaler Form. Unter www.bzga.de kann man den Organspendeausweis online ausfüllen und ausdrucken. Zudem sind Organspendeausweise kostenlos in vielen Arztpraxen und Apotheken erhältlich.

Krankenkassen und Krankenversicherungsunternehmen sind in Deutschland dazu verpflichtet, ihre versicherten Personen über das Thema Organ- und Gewebespende zu informieren und Spenderausweise auszuhändigen. Außerdem sollen die Pass- und Meldeämter Organspendeausweise mit den Ausweispapieren ausgeben.

 

Transplantationsbeauftragter am Uniklinikum Regensburg

Regensburg – Am Uniklinikum Regensburg (UKR) gibt es seit vielen Jahren einen Transplantationsbeauftragten. Dieses Amt hat Professor Dr. Thomas Bein (siehe Foto), Anästhesist und Leiter der operativen Intensivmedizin des UKR, inne.

Professor Dr. Thomas Bein, Transplantationsbeauftragter am Universitätsklinikum Regensburg
Foto: UKR

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aller acht Intensivstationen ist Prof. Bein am UKR für die Vorgänge rund um eine Organspende (Spendererkennung, Hirntoddiagnostik, Kontakt zur DSO, Angehörigengespräche, Organisation und Begleitung von Organentnahmen) zuständig. Alle dafür notwendigen Einzelschritte sind am UKR bestens etabliert und langjährige Routine. 2011 wurde Prof. Bein für seine Tätigkeit (gemeinsam mit dem Kaufmännischen Direktor des UKR, Klaus Fischer) vom damaligen Bayerischen Gesundheitsminister Dr. Markus Söder mit dem Bayerischen Organspendepreis geehrt. Nach kürzlichem Inkrafttreten des neuen Bayerischen Ausführungsgesetzes zum Transplantationsgesetz, mit dem zukünftig alle Transplantationszentren hauptamtlich tätige Transplantationsbeauftragte haben müssen, ist diese Strukturänderung auch im UKR in Vorbereitung: demnächst wird am UKR eine entsprechende Stelle geschaffen und besetzt. Foto: UKR