Am Freitag feierte die Stadt Regensburg ihren traditionellen Neujahrsempfang. Rund 500 Gäste aus allen Bereichen der Gesellschaft kamen hierfür in den Historischen Reichssaal des Alten Rathauses.

In seiner Neujahrsrede ging Oberbürgermeister Joachim Wolbergs insbesondere auf das Jahr 2016 mit all seinen schlechten Ereignissen ein, betonte aber auch, das im Jahr 2017 etwas Besonderes anstehe: nämlich das 50-jährige Jubiläum der Universität Regensburg. Um die Verbundenheit mit der Universität zum Ausdruck zu bringen, wurde der Neujahrsempfang gemeinsam gestaltet, das heißt, auch Prof. Dr. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg, hielt eine Neujahrsrede.

Im folgenden lesen Sie die Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Neujahrsempfangs der Stadt Regensburg. (Es gilt das gesprochene Wort.)

Bislang waren Sie, meine sehr
verehrten Damen und Herren, es
gewohnt, dass sich der
Oberbürgermeister beim
Neujahrsempfang der Stadt mit einer
Grundsatzrede an Sie wendet –
mitunter bis an die Grenze der
Standfestigkeit der Gäste.

Diesmal wollen wir es etwas anders
machen.

Die Universität Regensburg begeht
heuer das Jubiläum „50 Jahre
Vorlesungsbetrieb“.

Auf dieses Jubiläum hin haben wir
diesen Neujahrsempfang der Stadt
ausgerichtet – wobei es mir eine ganze
besondere Freude ist, dass Prof. Dr.
Udo Hebel, der Präsident der
Universität, den offiziellen Teil dieses
Empfangs gemeinsam mit mir
bestreitet.

Dafür sage ich Ihnen, sehr geehrter
Herr Prof. Dr. Hebel, schon jetzt
meinen herzlichen Dank.

Ebenfalls danken möchte ich der Brass
Band der städtischen Sing- und
Musikschule, die unter der Leitung von
Christine Hartmann diesen
Neujahrsempfang musikalisch begleitet.

Das Stück, das wir gerade gehört
haben, heißt übrigens „Home of
Legends“ – womöglich eine freundliche
Anspielung auf das Thema dieses
Empfangs.

Meine sehr geehrten Damen und
Herren,

ein Wort geistert derzeit durch
Parlamentsdebatten, Talkshows und
Leitartikel.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache
hat diesen Begriff sogar zum Wort des
Jahres 2016 gekürt.

Die Jury begründet ihre Wahl damit,
dass das Kunstwort „postfaktisch“ einen
tiefgreifenden politischen Wandel in
unserer Gesellschaft beschreibt.

Nach Ansicht der Jury geht es heute in
politischen und gesellschaftlichen
Diskussionen zunehmend um
Emotionen anstelle von Fakten.

Immer mehr Menschen zimmern sich
ihr ganz eigenes Weltbild zurecht, ganz
ohne Rücksicht auf Tatsachen.

Inzwischen prallen vielfach zwei
Wahrheiten aufeinander:

Die durch Fakten belegbare Wahrheit –
und die durch Emotionen bestimmte
gefühlte Wahrheit.

Immer mehr Menschen, so scheint es,
halten ihre gefühlte Wahrheit für
wirklich wahr.

Und sie nehmen es sogar hin, belogen
zu werden, wenn diese Lügen zu ihrer
ganz persönlichen Wahrnehmung der
Welt passen.

Die Vorgänge um den Brexit – übrigens
Platz 2 bei der Wahl des Wortes 2016 –
und die US-Präsidentschaftswahlen
haben uns deutlich und schmerzlich vor
Augen geführt, dass Lügen und
Halbwahrheiten sehr erfolgreiche Helfer
sind, wenn bestimmte Gruppen ihre
politischen und gesellschaftlichen Ziele
durchsetzen wollen.

Mit dem Postfaktischen haben
insbesondere auch die etablierten
Medien zu kämpfen: Sie gelten vielen
ohnehin schon als „Lügenpresse“.

Ihre Glaubwürdigkeit wird nun aber
auch noch untergraben durch das, was
im Englischen „Fakenews“ heißt.

Nun soll es ja schon vorgekommen
sein, dass Falschmeldungen auch in
angesehenen Zeitungen, Magazinen
und Sendern zu finden waren.

Diese Falschmeldungen sind aber, wie
ich gutwillig unterstellen möchte, auf die
grundsätzliche Fehlbarkeit auch des
Journalistenmenschen zurückzuführen
und nicht konkreter Bestandteil eines
Geschäftsmodells.

Ganz anders die Fakenews, die
bevorzugt auf einschlägigen Websites
und in den sozialen Netzwerken
abgesetzt werden: Hier werden
Unwahrheiten wohlüberlegt und gezielt

verbreitet, um politischen Gegnern zu
schaden oder die öffentliche Meinung
zu beeinflussen.

All das, meine sehr verehrten Damen
und Herren, kann uns nicht gefallen.

Das Postfaktische und die bewusst
verbreitete Lüge können sich sogar als
Spaltkeile in unsere Gesellschaft
treiben.

Schon werden besorgte Stimmen aus
Politik, Soziologie und Medien laut, die
vor einer starken Gefahr für unsere
Demokratie warnen.

Derzeit wird viel darüber debattiert und
geschrieben, wie dem Postfaktischen
und den absichtlichen
Falschmeldungen Einhalt geboten
werden kann.

Es geht dabei um ganz zentrale
Fragen: Wie gelingt es, dass

verunsicherte Menschen Tatsachen
von Vermutungen unterscheiden
können, Vermutungen von Gerüchten,
Gerüchte von fahrlässigen
Unwahrheiten und fahrlässige
Unwahrheiten von der gezielten Lüge?

Was können wir tun, damit Tatsachen –
vor allem die Tatsachen, die nicht so
angenehm sind – nicht mehr
weggeschoben und ignoriert werden?

Wie gelingt es, allen Menschen in
unserer Gesellschaft die immer
schneller werdenden Veränderungen in
der Welt glaubhaft zu erklären und ihre
Angst und ihre Sorgen vor diesen
Veränderungen durch gute, wahre
Argumente zu nehmen?

Und: Wie bringen wir diese Menschen
davon ab, sich eine virtuelle Welt
zusammenzubasteln, die ihre Meinung
– und nur ihre Meinung – stützt?

Ich befürchte, dass uns all diese
Fragen im Wahljahr 2017 schwer
beschäftigen werden.

Und ich hoffe inständig, dass am Ende
Vernunft, Verstand, Tatsachen und
Wahrheit stärker sind als das
Postfaktische und die absichtlich
gestreute Lüge.

Ganz persönlich bin ich fest davon
überzeugt, dass bestmögliche Bildung,
umfassende Information wie auch die
Fähigkeit zum kritischen und
selbstkritischen Denken immer noch die
besten Garanten gegen die gefährliche
Scheinwelt der diffusen Gefühle, der
Halbwahrheiten und Lügen sind.

In dieser nicht einfachen
gesellschaftlichen Gemengenlage
kommt unseren Hochschulen eine ganz
besondere Bedeutung zu.

Wenn das tägliche Ringen um
Erkenntnis, die immerwährende Suche
nach der Wahrheit und das Arbeiten mit
belastbaren Fakten einen Platz haben –
dann an den Hochschulen.

Unsere Hochschulen halten ihre
Studierenden dazu an, sich intensiv,
ohne Vorurteile und aus allen
Blickwinkeln mit Themen und
Aufgabenstellungen zu befassen.

An unseren Hochschulen lernen junge
Menschen, Informationen, Argumente
und Erkenntnisse einzuordnen und
gegeneinander abzuwägen.

Und sie lernen, wie man das Neue
entdeckt.

Im Studium muss man den Dingen auf
den Grund gehen, man muss ständig
seine eigenen Sichtweisen überprüfen
und erreichte Ergebnisse infrage
stellen.

Mit Menschen, die so denken und
arbeiten, haben wir wirklich gute
Chancen im Ringen mit dem
Postfaktischen.

Schon allein aus dieser ganz aktuellen
Bedeutung heraus können wir uns alle
glücklich schätzen, dass Regensburg
nun seit 50 Jahren eine Universität hat.

Der Gründung dieser vierten Landes-
Universität ging eine langwierige und
immense Arbeit voraus und sie lässt
sich treffend in dem berühmten Satz
von Max Weber zusammenfassen, der
Politik als das starke, langsame Bohren
von Brettern mit Leidenschaft und
Augenmaß zugleich beschrieben hat.

Es war in der Tat ein sehr, sehr hartes
Brett zu bohren, damit Regensburg
seine Universität bekam.

Dabei brachte unsere Stadt ja die
besten Voraussetzungen mit:

– Schon ab dem ausgehenden 8.
Jahrhundert blühten in Regensburg
Lehre und Wissenschaft.

– Albertus Magnus, einer der großen
Universalgelehrten des 13.
Jahrhunderts, wirkte in Regensburg.

– Die Talmudschule der Jüdischen
Gemeinde in Regensburg gehörte im
ausgehenden Mittelalter zu den Besten
in ganz Mitteleuropa.

– Besonders im 15. Jahrhundert blühten
in St. Emmeram mathematische und
astronomische Studien.

Im Jahr 1487 wurde endlich ein Anlauf
zur Gründung einer Universität
genommen:

Damals reichte der Rat der Stadt
zusammen mit dem Bayernherzog
Albrecht IV. eine Petition beim Papst
ein, der erfreulicherweise
einverstanden war.

Weniger erfreulich war allerdings, dass
das nötige Geld fehlte.

Und so musste Regensburg noch fast
500 Jahre lang ohne die ersehnte
Hochschule auskommen.

In der Zwischenzeit entstanden Ende
des 18. Jahrhunderts eine Sternwarte
und die Regensburger Botanische
Gesellschaft – heute die älteste noch
bestehende naturwissenschaftliche
Fachgesellschaft der Welt.

1810 wurde das Königliche Lyzeum
gegründet, das besonders für seine
Leistungen in Astronomie,
Experimentalphysik und Meteorologie
bekannt war.

1923 wurde aus dem Lyzeum eine
Philosophisch-Theologische
Hochschule, die nach dem Zweiten
Weltkrieg als eine Art Ersatzuniversität
für die medizinisch-
naturwissenschaftliche
Grundausbildung diente und später
einen ganz entscheidenden Impuls für
die Gründung der Universität gab.

Bereits 1874 ist die heutige Hochschule
für Katholische Kirchenmusik und
Musikpädagogik gegründet worden.

Sie war damals weltweit einzigartig und
genoss von Anfang an international
großer Beachtung.

Es ist sehr bemerkenswert, dass schon
kurz nach Ende des Zweiten
Weltkriegs, in einer Zeit großer
finanzieller und wirtschaftlicher Not, der
Wunsch nach einer

Universitätsgründung erneut mächtig
auflebte.

Am 22. Januar 1948 gründeten
engagierte Bürgerinnen und Bürger
zusammen mit örtlichen Politikern den
Verein der Freunde der Universität
Regensburg.

Doch weitere 14 Jahre lang mussten
die Regensburger der Staatsregierung
in München mit immer neuen
Argumenten auf die Nerven gehen, bis
schließlich die langersehnte
Entscheidung fiel:

Am 10. Juli 1962 beschloss der
Landtag die Gründung einer Universität
in Regensburg.

Nach fünf Jahren Bauzeit – genau am
6. November 1967 – begann auf dem
Campus oben am Galgenberg der
Lehrbetrieb.

Eingegliedert in die neue Uni wurden
die bereits erwähnte philosophisch-
theologische Hochschule und die seit
1958 als Außenstelle der Uni München
bestehende pädagogische Hochschule.

Besonders drei Regensburger sind mit
dem Ringen der Bürgerschaft um ihre
Universität verbunden:

– Rudolf Schlichtinger, der damalige
Regensburger Oberbürgermeister,

– Dr. Franz Schmidl, der ehemalige
Universitätsbeauftragte der Stadt,

– und der damalige
Landtagsabgeordnete Wilhelm
Gastinger.

Ihnen und allen anderen, die sich für
Gründung und Bau unserer Universität
stark gemacht haben, sage ich im
Namen der Stadt und all ihrer
Bürgerinnen und Bürger einen
ausdrücklichen und herzlichen Dank.

Meine sehr verehrten Damen und
Herren,

In Regensburg konnte man seit 1967
wie in einem Zeitraffer sehen, wie eine
neue Hochschule das Leben einer
Stadt, ja: einer ganzen Region von
Grund auf verändert.

Aus der etwas verschlafenen
Verwaltungs- und Beamtenstadt
Regensburg ist dank der Universität –
und auch dank der Ostbayerischen
Technischen Hochschule – nicht nur
ein sehr erfolgreicher
Wissenschaftsstandort mit derzeit
insgesamt über 32 000 Studierenden
geworden – sondern auch eine
wirtschaftlich höchst erfolgreiche Stadt,
die sich vor keinem nationalen oder
internationalen Ranking scheuen muss.

Die Gründung der Universität setzte vor
50 Jahren eine sehr beachtliche
Kettenreaktion in Gang.

Nach der Uni kam BMW,

nach BMW kam das Uniklinikum,

nach dem Uniklinikum kam der Ausbau
der Fachhochschule, unserer heutigen
OTH, und so ging es Schlag auf Schlag
weiter: Die Maschinenfabrik
Reinhausen stieg ebenso zu einem
Global Player auf wie Infineon, Osram
Opto Semiconductors und Continental
in Regensburg.

Made in Regensburg sind sogar
hochmoderne Bauteile für
Flugzeugtriebwerke von General
Electric Aviation.

Hinzu kommen ein starker, höchst
innovativer Mittelstand, ein sehr
gesunder Dienstleistungssektor, viele
kleine kreative Unternehmen und
Firmengründungen.

Automobilbau und –zulieferung,
Maschinenbau und Elektrotechnik,
Biotechnologie, Sensorik, Chipfertigung
und IT-Sicherheit, Immobilienwirtschaft,
E-Mobilität, Kultur- und
Kreativwirtschaft – das sind die
Branchen, die Regensburg und sein
Umland groß und erfolgreich gemacht
haben.

Schon seit vielen Jahren belegt
Regensburg unter allen
Wirtschaftsregionen in Deutschland
hervorragende Platzierungen bei der
Bewertung der Wirtschaftskraft und der
Dynamik.

Dieser sehr beeindruckende Erfolg
wäre ohne die Universität nicht
denkbar: Viele Forschungsergebnisse
wurden und werden mit Erfolg in
Produkte oder neue medizinische
Verfahren umgesetzt.

Dank der jährlich fast 3000
Hochschulabsolventen können die
Unternehmen in Regensburg und der
gesamten Region auf junge, bestens
ausgebildete und hoch motivierte
akademische Fachkräfte zurückgreifen
– auch das ist ein sehr wesentlicher
Grund dafür, dass es unserer Stadt so
gut geht wie noch nie zuvor.

Und wenn wir uns heute über die
höchsten Steuereinnahmen freuen
dürfen, die die Stadt Regensburg
jemals erzielt hat, dann hat das auch
damit zu tun, dass an der Universität
und ihrem Klinikum 4200 Menschen
krisensicher beschäftigt sind.

Ich möchte aber nicht nur über die
starken wirtschaftlichen Impulse
sprechen, die seit nun 50 Jahren von
der Universität ausgehen.

Gar nicht in Geld zu messen ist das,
was die Universität unserer Stadt und

ihren Menschen jeden Tag an
Selbstbewusstsein, intellektueller Kraft,
kreativem Denken, Kultur und
Weltoffenheit bringt.

So ist in 50 Jahren eine ganz
besondere Symbiose entstanden, die
aus Regensburg eine lebenswerte und
überschaubare kleine Weltgroßstadt mit
Menschen aus gut 150 Nationen
gemacht hat.

Auch dank der Universität herrscht in
unserer Stadt ein Klima der Offenheit
und der Humanität.

Lehrkräfte und Studierende der
Universität kümmern sich mit ihrem
Projekt „Campus Asyl“ ehrenamtlich
und mit professioneller Organisation um
die Menschen, die vor Krieg,
Verfolgung und bitterster Not zu uns
geflohen sind.

So steht dort oben am Campus nicht
einfach nur eine Hochschule – dort
oben werden der Geist und der
Herzschlag unserer Stadt mit gemacht.

Dort oben steht unsere Universität.