Abhängigkeiten früh erkennen und
Wege aus der Sucht finden

Seit bald 90 Jahren besteht die Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme in Regensburg. Die Einrichtung hat sich immer an den aktuellen Anforderungen orientiert und ihr Angebot zunehmend professionalisiert. Die Aufgaben wurden anspruchsvoller, vielfältiger und mit der Zahl der Angebote und Klienten nahm auch die der Mitarbeiter zu. Heute ist die Caritas der „Vollsortimenter“ in der Suchthilfe.

Die Statistik der Caritas bestätigt diese Entwicklung eindrucksvoll. Die Zahl der Beratungen stieg von 719 im Jahr 1981 auf etwa 6000 im vergangenen Jahr. Zuletzt wurde 2006 die Außenstelle in Cham zu einer Fachambulanz ausgebaut. Eine neue Zweigstelle entstand in Parsberg, externe Beratungsangebote kamen hinzu. Insgesamt berieten die elf ambulanten Suchthilfe-Einrichtungen der Caritas im Bistum Regensburg im letzten Jahr mehr als 6000 Personen, in Einzelgesprächen oder in Gruppen.

Alkohol ist laut Caritas Regensburg das Haupt-Suchtproblem Grafik: Caritas Regensburg

Alkohol – neue Wege der Suchthilfe

Nach der letzten Schätzung von 2014 gibt es in Deutschland wohl 1,8 Millionen alkoholkranke Menschen. Hinzu kommt eine weitaus größere Zahl von betroffenen Angehörigen. „Bier, Wein und Schnaps sind die mit Abstand am weitesten verbreiteten Drogen unserer Gesellschaft“, sagt Christian Kreuzer, Referent für die Caritas-Suchthilfe. Alkohol sei eben gesellschaftsfähig. Diese oft tabuisierte Tatsache spiegle sich in der Arbeit der Suchtberatung wieder. Dominierte hier vor 30 Jahren noch die klassische Langzeitbehandlung unter strengen Rahmenbedingungen, hat sich das Angebot zwischenzeitlich gewandelt: Es ist mit zunehmenden Erfahrungen, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und sozialem Wandel passgenauer, differenzierter und effizienter geworden. „Heute erhält ein Betroffener persönlich, telefonisch oder online alle Informationen und eine erste Einschätzung“, erläutert Kreuzer. Gegebenenfalls empfiehlt die Fachkraft eine unmittelbare Akutbehandlung (Entgiftung) in einer darauf spezialisierten Einrichtung.

Auch im Alter ist Alkohol ein Problem Foto: Gerd Altmann/pixelio.de

Der Hilfesuchende kann aber auch das Angebot weiterer Beratungen annehmen, um seine Situation genauer zu erfassen und die Situation zu stabilisieren. Damit verbunden ist oftmals die Anregung zu einem Selbsttest, bei dem der Alkoholkranke versucht, vier Wochen trocken zu bleiben. Zudem besteht die Möglichkeit, eine wöchentliche Informationsveranstaltung zu besuchen und durch Zuhören und Nachfragen seine Standortbestimmung vorzunehmen. In einem darauf folgenden Auswertungsgespräch „treffen wir gemeinsam mit dem Klienten Entscheidungen über die Zielsetzung und das entsprechende Vorgehen.“ Am Ende dieser Phase gelangen Betroffene sogar manchmal zu der tragfähigen Überzeugung, es ohne Hilfe zu schaffen oder nur den Halt einer Selbsthilfegruppe zu benötigen. Neben der Rehabilitation in einer Suchtklinik steht also eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung, eben auch die die Leistungen der Caritas-Suchthilfe. „Mit dieser zunehmenden Ausdifferenzierung der Hilfsangebote und den sich wandelnden Herausforderungen gehen Flexibilität, Innovationsbereitschaft und Vernetzung unserer Experten einher“, sagte Diözesan-Caritasdirektor Weißmann bei der Bilanz-Pressekonferenz. Die offene Haltung der Mitarbeitenden präge die Fachambulanz seit Jahrzehnten und werde auch in Zukunft für passgenaue und effiziente Leistungen in der Suchthilfe sorgen, so der Caritasdirektor. Es sei die Aufgabe der Caritas, sich aller Menschen in Not anzunehmen. „Die Frage nach der Schuld stellen wir da nicht. Wir verlangen aber von den uns anvertrauten Menschen die Bereitschaft, sich zu öffnen und mit unserer Unterstützung Initiative zu ergreifen“, sagte Weißmann.

Innovation und Vernetzung

Es gehe für die Caritas darum, immer wieder auf die Nöte der Zeit passgenau zu reagieren. Eine solche Flexibilität ist heute nötiger denn je. So kommen Caritas-Mitarbeiter inzwischen an die Brennpunkte des Geschehens, zum Beispiel in Form von Streetwork oder Besuchen von Festivals und Clubs (Projekt „mindzone“). Durch Beratung in Krankenhäusern und Justizvollzugsanstalten wird der frühzeitige wie niedrigschwellige Kontakt zu (potenziellen) Drogenkonsumenten gesucht. Diese entscheidenden ersten Schritte münden idealerweise in nachhaltige Maßnahmen. Zu den innovativen Angeboten der Caritas zählt auch SKOLL. Dieses „SelbstKOntroLLtraining“ wendet sich an Menschen mit problematischem Konsumverhalten und will Fehlentwicklungen bereits frühzeitig entgegensteuern. Wer zu viel trinkt oder raucht, wer zu oft am Computer oder in der Spielhalle spielt und etwas ändern möchte, ist hier richtig. Im Verlauf des Trainings lernen die Teilnehmer, ihr Verhalten kritisch zu hinterfragen und Strategien der Selbstkontrolle zu entwickeln. Dabei kann jeder selbst entscheiden, ob er den Konsum stabilisieren, verringern oder einstellen will. In Regensburg und Parsberg bieten die Fachambulanzen im Frühjahr und im Herbst jeweils einen Kurs an.

Die Caritas steht mit Rat und Tat zur Seite Grafik: Caritas Regensburg

Ausgehend von etwa 150.000 volljährigen Einwohnern in Regensburg geht die Caritas von 5.000 abhängigen Personen (3,5 Prozent) und von weiteren 4.500 Missbrauchern (3.1 Prozent) aus. Die Konsequenzen sind oft schleichend, aber häufig dramatisch: Zerstörung der körperlichen und psychischen Gesundheit, Trennung und Scheidung, Vereinsamung, Verlust des Arbeitsplatzes, unausgeglichenes Verhalten, Führerschein-Verlust, juristische Auffälligkeiten und Beschaffungskriminalität. „Suchtprobleme sind oft die Spitze eines Eisbergs von vielen Problemen“, sagte Kreuzer. Mit ihren Einrichtungen und Diensten kann die Caritas ein flächendeckendes Netz von stationären, ambulanten und externen Fachdiensten anbieten. „Sozial-, Schuldner und Lebensberatung sind beispielsweise nur eine Bürotür weit entfernt“, ergänzt der Suchthilfe-Experte. Zudem wurden Kooperationen mit weiteren Einrichtungen und Spezialisten intensiviert: Suchtverhalten gehe oft mit anderen Krankheitsbildern (Komorbidität) einher, hier sei eine enge Zusammenarbeit mit einschlägigen Fachleuten unabdingbar, so Kreuzer. Eine wichtige Rolle spielt auch die Einbindung von Selbsthilfegruppen und entsprechenden Organisationen wie dem Kreuzbund. Diese Vernetzung steigert die Wirksamkeit der Hilfsleistungen ganz entscheidend!

Von der Beratung bis zur Rehabilitation

Das Leistungsspektrum der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme umfasst eine große Bandbreite an Möglichkeiten. Zahlen bestätigen das: 2016 diagnostizierten die Mitarbeitenden vom Alkoholmissbrauch (53 Prozent) über jede Art von illegalen Drogen (33 Prozent) bis hin zu Glücksspiel (15 Prozent) alle Formen des Suchtverhaltens. Entsprechende Hilfsangebote reichten von der Beratung (40 Prozent) über vielfältige Maßnahmen wie Rehabilitation (12 Prozent) oder Fallbesprechungen (7 Prozent) bis hin zur klientenbezogenen Vernetzung (3 Prozent). Zu beobachten ist dabei eine Verstetigung der ambulanten Rehabilitation und Nachsorge. Zudem fällt auf, dass der Anteil älterer Menschen mit Suchtproblemen zunimmt. 2006 suchten noch 89 Frauen und Männer zwischen 50 und 64 Hilfe bei der Caritas. Im letzten Jahr waren es bereits 211 Leute. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wurde vor vier Jahren eine Fachkraft eingestellt, deren Beratungsangebot nach einer dreijährigen Projektphase in die Regelförderung überging. Zu den Leistungen zählt auch die Betreuung einer offenen Informations- und Motivationsgruppe für betroffene Senioren und Angehörige.

Es liegt oft ein weiter Weg vor den Suchtkranken. Die Caritas hilft dabei Foto: Caritas Regensburg

Zusatzinformationen

In der ambulanten Suchthilfe des Diözesan-Caritasverbandes, in den elf Fachambulanzen für Suchtprobleme samt ihren Außenstellen, arbeiten derzeit 59 Fachkräfte und 13 Verwaltungskräfte. Fünf Mitarbeitende geben externe Suchtberatung in den Gefängnissen. Das Team der Fachambulanz für Suchtprobleme Regensburg besteht aus neun Fachberatern und zwei Verwaltungskräften. Hinzu kommt ein Streetworker.

Die Wurzeln der Fachambulanz gehen auf das Jahr 1928 zurück. In diesem Jahr wurde die „Trinkerfürsorge“ in Regensburg eingerichtet. Die Fachambulanz heute bietet Hilfe für Männer und Frauen mit Suchtproblemen oder bei problematischem Konsum von Suchtmitteln, aber auch abhängig machenden Verhaltensweisen wie Glücksspiel. Da Angehörige in der Regel von Abhängigkeitsproblemen und -erkrankungen ihrer Familienmitglieder, Partner oder enger Freunde stark betroffen sind, ist die Caritas-Suchthilfe auch für sie und ihre Probleme da. Die Beratung ist kostenfrei und unabhängig von Konfession, Alter und Herkunft.

Mehr Informationen zur Caritas-Suchthilfe gibt es auf http://www.suchthilfe-ostbayern.de.

Die Regensburger Fachambulanz ist erreichbar unter Telefon 0941/630 82 70 oder per E-Mail: suchtambulanz@caritas-regensburg.de.